Das Geld liegt auf der Straße

TA professional, Mo, 16.04.2001,
ks.

Selektiert man jene Werte des Neuen Marktes, deren Tageskurs einen Kursrückgang von mindestens 90% gegenüber dem Höchstkurs der letzten 500 Börsentage bedeutet, erhält man (Stand 12.4.2001) eine Liste mit 178 Aktiennamen. Das sind viel zu viele für eine vernünftige WatchList und, nebenbei, ca. 50% aller am Neuen Markt notierten Titel.

Die goldene Bottom-Fisher-Rule "90% Kursverlust und nicht Pleite" ist auf Werte des Neuen Marktes nur sehr eingeschränkt als geeignetes Investitionskriterium anwendbar. Man darf nicht verdrängen, daß etliche der vorangegangenen Kursübertreibungen, nach konventionellen Bewertungsregeln, das Zehnfache des Vernünftigen überschritten. Mit der logischen Folge, daß viele der scheinbar "ausgebombten" Werte, trotz des 90%igen Kursrückganges, objektiv immer noch überbewertet sind.

Diese gilt es als erstes herauszufiltern. Als Datenquelle bediene ich mich des Kursteils der laufenden "Börse Online". Aktien mit dort ausgewiesenen Gewinnerwartungen für 2001 bzw. 2002 nehmen die 2.Selektionshürde unabhängig von ihrer sonstigen Bewertung. Aktien, für die in einem oder beiden genannten Zeiträumen Verluste erwartet werden nur dann, wenn die Marktkapitalisierung nicht mehr als 150% des Umsatzes im vergangenen Geschäftsjahr ausmacht und zudem das Kurs-Buchwert-Verhältnis kleiner 2 ist. Dabei werden die erwarteten Verluste 2001/2002 vom jetzigen Buchwert subtrahiert und darauf geachtet, daß dieser trotzdem den genannten Grenzwert nicht überschreitet. Überschreitet das Eigenkapital die Marktkapitalisierung, entfällt deren Begrenzung auf 150% des Umsatzes, um auch jene unproduktiven Cash-Giganten zu erfassen, die möglicherweise Ziel von Übernahmeaktivitäten werden könnten.
Diese äußerst großzügigen Filterkriterien sind nur durch den Verzicht auf jegliche Individual-Situationsanalyse zu rechtfertigen.

Es verbleiben erstaunlicherweise 89 Titel nach dieser 2.Selektion. Viele mit Gewinnausweis, einer vernünftigen Bewertung im Verhältnis zu Gewinn und Umsatz. Recht viele mit Geschäftsausweitungsraten, von denen die restliche Wirtschaft nur träumt. Etliche mit Buchwerten pro Aktie, die die gegenwärtigen Kurse überschreiten. Das Geld liegt auf der Straße. Keiner dieser Werte notiert über seinem GD 200. 83 von 89 Aktien notieren unterhalb ihres kurzfristigen GD 38. Das Geld liegt auf der Straße und man braucht sich nicht einmal mit dem Aufheben zu beeilen.

Die Achillesferse vieler dieser Aktien ist gegenwärtig die Liquidität. Der 3.Selektionslauf mit vernünftigen täglichen Umsatzvorgaben brachte kein verwertbares Ergebnis. Dies zeigt das Desinteresse auf der Käuferseite. Sentimenttechnisch durchaus als zusätzliches Kaufsignal bewertbar, da ein typisches Marktverhalten am Ende einer Baisse.


Das Interessanteste an einer Baisse ist ihr Ende.
Dies gilt für den durchschnittlichen Investor, der nur auf der Longseite investiert, auf Terminmarktgeschäfte und den Einsatz von Derivaten verzichtet und zusätzlich noch mittelfristig orientiert ist.

Wann ist die gegenwärtig am Neuen Markt laufende Baisse zuende?
"Jetzt," sagen viele Fundamentalanalytiker unter Hinweis auf das volkswirtschaftliche Umfeld und das zwischenzeitlich erreichte Bewertungsniveau. Wenn die gegenwärtigen Gewinnprognosen für 2001/2002 zutreffend sein sollten, mag dies so sein.

"Jetzt!" rufen sehr viele Techniker. Der Markt sei heillos überverkauft.
Stimmt. Ganz besonders dann, wenn man, wie vielfach in den Medien üblich, unreflektiert mit Oszillatoren arbeitet, deren Konzeption auf das Trading in seitwärtslaufenden Marktphasen abstellt.
Aber auch die in einer Baisse richtige Anwendung von trendfolgenden Indikatoren führt zum selben Ergebnis. Lediglich mit dem entscheidenden Unterschied, daß dieses Ergebnis keinen zwanghaften (und unbegründeten) "Reaktions"-Optimismus für die nähere Zukunft auslöst.

Die elementarsten Werkzeuge der Chartanalyse erweisen sich häufig zugleich als die effizientesten. Trendlinien, Unterstützungs- und Widerstandsniveaus sind in ihren Aussagen vielfach klarer und eindeutiger als das schier unüberschaubare Universum der technischen Aktienanalyse-Indikatoren.

Mit Hilfe dieser Grundtechniken gewinnt man zusätzlich und ohne Mehraufwand die Kontrolle über den wichtigsten und schwierigsten Faktor, die Zeit. Prozentual bedeutsame Kursveränderungen erweisen sich aus der Sicht der nächsthöheren Zeitebene als unbedeutend. Vermeintliche "Trendwenden" werden zu zufallsbedingten "Chartzacken". Simple Trendlinientechnik hilft entscheidend bei der richtigen Urteilsfindung. Der unterhalb einer Trendlinie liegende Kursbereich, der abschätzbare Zeitraum für die Überwindung dieser Distanz bei einem gegebenen Trend, relativieren so manche Tagesentwicklung und machen ihren Unterschied zu einer wirklich wichtigen Chartformation deutlich.

In Zeiten extremer Volatilität wird das Gefühl des Zeitmangels, des Zeitdruckes (der sich häufig als Investitionsdruck äußert) übermächtig. Man glaubt unwiederholbare Gelegenheiten zu verpassen, wenn man hört, daß Pixelpark in der vergangenen Woche um 177% gestiegen ist. Ein Blick auf deren Chart und eine einzige Trendlinie dürften Gelassenheit auslösen.

Zeitdruck ist ein weitverbreiteter Börsianer-Irrtum. In Wirklichkeit entwickeln sich für den Durchschnittsinvestor nutzbare Trends langsam, oft über Monate, bevor eine entscheidungsrelevante Situation entsteht. Nur in Euphoriezeiten verhält sich der Markt anders. Aber langsam spricht sich herum, daß wir die Euphoriephase gerade hinter uns haben.
Zum Warten und weiteren Beobachten angehalten zu werden, kann ein wertvolles Analyseergebnis sein.


Ich investiere grundsätzlich nur in Aktien mit relativer Stärke. Die Auswahl von Aktien mit extremer Schwäche ist dazu kein Widerspruch, sondern eine mittelfristige Vorbereitung. Ich verhalte mich trendfolgend, wie die meisten Durchschnittsinvestoren. Die von mir untersuchte Aktienauswahl besteht ausschließlich aus Werten im noch intakten Baissetrend. Dies ist eine notwendige Voraussetzung, wenn man wünscht, bei neuen Aufwärtstrends möglichst früh dabei zu sein.

Ich treffe Kauf- und Verkaufentscheidungen anhand von charttechnischen Kriterien. Das bedeutet jedoch nicht, daß ich jeden Non-valeur akzeptiere, nur weil er charttechnisch "interessant" ausschaut. Deshalb enge ich in meiner WatchList-Vorauswahl die Zahl der möglichen Kaufkandidaten durchaus nach fundamentalen Gesichtspunkten ein. Diese vorangestellte Folge von scheinbaren Widersprüchen erklärt sich aus meiner Gewohnheit, eine Aktie vor dem Kauf einige Zeit zu beobachten. Nur so bekommt man ein Gefühl für das Mögliche und Wahrscheinliche in der Entwicklng eines Einzelcharts und der dazugehörigen Umsätze. Trendlinien helfen, hektische Entschlüsse zu vermeiden, Widerstandslinien warnen vor möglichen Gefahren eines verfrühten Investments, Unterstützunglinien regen zu erhöhter Aufmerksamkeit an.

Man sollte seine Kurszielvorstellungen konsequent von verflossenen All-time-highs trennen. Diese sind gerade am Neuen Markt realitätsferne Vergangenheit und keine Orientierung für künftige Kursentwicklungen. Andererseits befinden wir uns in Teilbereichen des Neuen Marktes mitten in einer Übertreibungsphase nach unten. Sobald die emotionale Verwirrung und Verunsicherung bei den Marktteilnehmern abklingt, wird diese korrigiert werden.
Darin sehe ich eine Chance, die ich höher bewerte, als die Möglichkeiten im vorangegangenen Haussemarkt. Die Angleichung der Kurse vieler pauschal zertrümmerter Werte wird vermutlich langsamer erfolgen als die früheren Hausse-Anstiege. Sie wird damit jedoch auch berechenbarer sein und damit letztlich profitabler für den einzelnen Investor, sofern er vernünftig auswählt, sich von Pleitekandidaten fernhält und die charttechnische Trendwende des Einzelwertes abwartet.

Bevor ich es vergesse, dies ist ein Denkanstoß für spekulative Ergänzungsanlagen, lediglich zur Depotbeimischung.

Dies ist vor allem, noch einmal sei es betont, ein Vorgriff auf von mir erwartete künftige Entwicklungen.


Kurt Seifert
16.04.2001

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