"Pssst", Kursgewinne gefällig?

TA professional, Mo, 11.06.2001,
ks.
Weitere Artikel von Kurt Seifert : Neuer Markt: Das Geld liegt auf der Straße, Sehen vs. Hoffen, Wu Wei (Nichts tun) ?, O.N..

Wir fischen alle im selben Teich. Die individuellen Ergebnisse hängen vom Netz und der Fangtechnik ab. Darüber, und von einigen lohnenden Fischen, handelt dieser Artikel.

Jeder Anleger wünscht sich, den Trendwechsel einer Aktie früh zu erkennen, sie an ihrem Bottom zu fischen, den beginnenden Aufwärtstrend voll mitzunehmen. Gute Methode. Allerdings setzt sie voraus, daß Aktien ihren Bottom machen. Daran haperts leider gegenwärtig weitgehend. Trotzdem, bitte nicht locker lassen, ich sitze selbst an diesem Ufer und beobachte geduldig dutzende von Charts. Auch an diesen Angeln wird zu gegebener Zeit wieder der eine oder andere interessante Fisch anbeißen.

Bis es soweit ist, sollte man sein Netz nach anderen Fischen auswerfen. Ich meine damit jene Aktien, die die lustlose, orientierungslose, zeitweise baissierende Gesamttendenz einfach ignorieren und, der generellen Marktsituation zum Trotz, mit intakten Aufwärtstrends überzeugen.
Kursgewinne gefällig? Das Erfolgsgebot der Stunde heißt: Trittbrettfahren. Das klingt unoriginell, banal, milchmädchenhaft. Und kann es zweifellos auch sein. Der Einstieg in einen bereits laufenden Aufwärtstrend ist hochriskant:


Doch nähern wir uns dem Problem von der praktischen Seite :
Die kostengünstigen Kurs-Update-Abonnements heutiger Zeit überschwemmen den Chartisten mit abertausenden von Charts, die er unmöglich noch individuell beurteilen kann. Eine vernünftige Vorselektierung ist deshalb unabdingbar. Eine gewisse Beschränkung auf einen oder wenige Hauptmärkte ebenso. Man kann nicht alles beobachten, im Griff haben, nachrichtenmäßig verfolgen. Der Leser mag mir deshalb verzeihen, wenn ich mich, aus Gründen der besseren Einzelwertkenntnis, der einfacheren Nachrichtensichtung und eines vernünftigen Zeitaufwandes nachfolgend auf den deutschen Markt konzentriere.

Wann liegt ein intakter Trend vor? Ich habe für mich entschieden, daß dies

  1. dann der Fall ist, wenn eine Aktie über ihrem GD 200 notiert und wenn ihr Kurs außerdem zugleich oberhalb des GD 50 verläuft;
  2. fordere ich, daß - in Anlehnung an die Dow-Theorie - der gegenwärtige Kurs das letzte High um mindestens 3% überschritten hat. Als letztes High akzeptiere ich nur solche Kursspitzen, die mindestens 30 Tage zurückliegen, um beliebiges kurzfristiges Chartgekräusel besser von echten Trends unterscheiden zu können.
Ich weiß, ich weiß. Damit verzichtet man auf eine Vielzahl von hochprofitablen Pull-backs, auf jede Chance, einen Trend früh zu erwischen. Doch um die charttechnische Nutzung dieser Chancen geht es hier nicht. Trittbrettfahren ist auch ohne das Risiko, lediglich auf eine bedeutungslose Zwischenerholung oder gar einen nur wenige Tage währenden False-break hereinzufallen, mit genügend eigenen Gefahren bewehrt.

Filtert man nur nach obiger GD200/GD50-Regel, erster Teil, kommt man zum Einstiegserlebnis, daß es wohl nur so von Trittbrettfahrer-Investment-Chancen im gegenwärtigen Baisse-Markt wimmelt. Leider hängen die Trauben beim zweiten Hinsehen doch erheblich höher. Schon die Beachtung der "neues High im laufenden Trend"-Regel vermindert die Auswahl gewaltig. Die Beachtung von Widerstandszonen oberhalb der Kursnotierung und den weiteren aufgeführten Selektierkriterien läßt die "Auswahl" gar weitgehend verschwinden.


Auf die DAX-Werte angewendet, erbringt z. B. obiger Primitiv-Einstiegs-Filter zunächst immerhin 13 Treffer. 12 davon taugen nichts. Entweder erfüllen diese Werte nicht die zweite "Dow"-Teilregel obigen Filters, oder sie scheitern an den angeführten Kriterien der lang- bzw. kurzfristigen Chartbeurteilung. D.h., viele dieser Aktien befinden sich seit längerem in einer Toppzone und haben wenige Prozent über der gegenwärtigen Notierung das All-time-high. Oder sie liefern, im größeren Zeitrahmen betrachtet, im laufenden Abwärtstrend eine charttechnisch wenig eindrucksvolle Zwischenerholung ab, die, mit Blick zurück auf einen widerstandszonengespikten Kursabstieg, keinen Trittbrettfahrer zum Investment verführen kann.

Lediglich Fresenius Medical Care verdient gegenwärtig einen zweiten Blick. Die Aktie hat sich gerade aus der seit November laufenden Seitwärtskonsolidierung freigearbeitet, außerdem ist aus Langfristsicht auch der bedeutsame Widerstand des Zwischenerholungs-Highs von Anfang 1998 überwunden. Es fehlt noch (Stand 11.6.2001) der 3%-Sicherheits-Kursausbruch, dann gilt die Konsolidierungszone als überwunden, dann könnte es sich lohnen, auf das FMC-Trittbrett zum gegenwärtigen Zeitpunkt aufzuspringen.

Die gleiche Vorselektion auf den MDAX angewendet, ergibt 22 Werte im ersten Selektionsschritt. Davon bleiben beim genaueren Hingucken übrig:

Immerhin eine sehr ordentliche Liste sehr ordentlicher Unternehmen mit sehr ordentlichen Charts. Inbesondere bei Celanese und Südzucker sollte man die Trendkanalsituation beachten und eine Konsolidierung zum Einstieg abwarten.

Die gleiche Vorgehensweise bei den SMAX-Werten ergibt eine Liste von 32 Aktien nach der ersten Filterung. Meinen weiteren Vorgaben genügen hiervon:

Das sind alles respektable Unternehmen der dritten Reihe mit ausreichenden Umsätzen.

Schließlich noch eine Selektion der Werte des Neuen Marktes. Selbst hier finden sich 15 Aktien, die die Vorselektion überstehen. Meine weitere Bearbeitung überlebten davon:

Nun ja. Der klassische Trittbrettfahrer-Markt hat gezeigt, welche negativen Ergebnisse bei dieser Methodenanwendung möglich werden, sofern man den Seitenblick aufs Fundamentale vernachlässigt und Stop-Loss für eine müßige Technik für Zittrige hält.
Einer meiner Söhne formulierte nach seinen ersten Aktiengeschäften: "Stop-Loss ist die Technik mit der man sicherstellt, daß man seine Aktien exakt zum Trend-Tiefpunkt abgibt."
Da ist was dran. Oder genauer: Da kann was dran sein. Nach gängigem Verständnis soll das Stop-Loss den Investor vor unakzeptablen Verlusten schützen, andererseits jedoch so gewählt werden, daß ein Aktienkurs "atmen" kann. Ich sehe das ein wenig strammer. Nach meiner Meinung kann man einem Kurs nur dann das "Atmen" erlauben, wenn da bereits genügend Luft (Gewinn) zum Atmen ist.

Es ist Unsinn, eine Aktie zu kaufen und das Stop-Loss 20% oder 30% unter den Kaufkurs zu legen, weil da so eine schöne charttechnische Unterstützungszone angesiedelt ist. So von einigen Börsenzeitschriften in regelmäßiger Übung empfohlen. Solche Start-Stop-Losses kann man sich nur wenige Male leisten, wenn man nicht riskieren will, Chartanalyse künftig nur noch als theoretische Trockenübung betreiben zu können.

Man kauft eine Aktie in der Erwartung, daß sie steigen wird. Gerade in der ersten Investmentphase und gerade bei Trittbrett-Investments bedeutet dies, daß man sich von ihr sofort und konsequent befreien sollte, wenn sie diese Hauptforderung nicht erfüllt.
Deshalb plaziere ich mein Start-Stop-Loss regelmäßig und mechanisch 7% unter dem Einstandskurs. In der Praxis werden daraus durchschnittlich ohnehin 10% Kursverlust, wenn das Stop-Loss kurze Zeit nach dem Kauf ausgelöst wird. Das ist allemal immer noch ärgerliches Geld, aber nichts, was am Weitermachen hindert. Diese Regelung schützt vor Fehlstarts. Im Erfolgsfalle muß man, natürlich, die Zügel nach und nach sinnvoll lockerer lassen. Kann es sich dann aber auch leisten.

Mit entsprechend eng plaziertem Stop-Loss wird Trittbrettfahrer-Investment beherrschbar. Es hat sich bewährt, auf besonders volatile Einzelwerte eher zu verzichten. Ruhigere und stetige Entwicklungen sind bei dieser Anlagetechnik von Vorteil.

Diese Gedanken sind nicht als Ei des Kolumbus mißzuverstehen, sondern sind lediglich ein zeitweiliger Notbehelf in schwieriger Börsenzeit, geeignet eher für mittelfristig orientierte Aktienanleger. Es werden andere Zeiten kommen, die andere Einstiegstechniken erfordern. Bis dahin ist ein wenig Vertrauen in die Beständigkeit von Aktientrends eine gute Hilfe zur Aktienselektion.

Die Frage nach Erfolgschance und -quote kann sich jeder selbst beantworten. Ein Blick zurück über zwei, drei Monate zeigt das Potential dieser langweiligen "Milchmädchen"-Technik. Die Aufwärtstrends der angesprochenen Aktien laufen übrigens alle länger, zum Teil sogar erheblich länger. Es waren also keine hellseherischen Fähigkeiten für die seinerzeitige Auswahl notwendig. Natürlich darf man Trends nicht einfach fortschreiben, sondern muß im gegenwärtig schwierigen Börsenumfeld besonders gut Obacht geben, daß einem die aufgelaufenen Gewinne nicht ganz rasch wieder zwischen den Fingern zerrinnen. Auch dafür könnte ich, leider, einige Beispiele aus dem letzten Quartal nennen.

Die aufgeführten Werte sind nicht als "Kauftipps" gedacht, sondern als kleine Vorsortierung und Anregung für potentiell Interessierte, die jedoch niemals die eigene Betrachtung, Bewertung, Entscheidung ersetzen können, sollen und dürfen. Ein geeignetes Investment selbst herauszufinden, durchzuführen und zu verantworten ist unerlässlich für den dauerhaften Erfolg.


Kurt Seifert
11.06.2001

(*) Diese Werte hat der Autor gegenwärtig selbst im Depotbestand. Sie sollten deshalb vom Leser mit besonderer Sorgfalt und Skepsis bezüglich ihrer Eignung für ein Investment geprüft werden.

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