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O.N.

TA professional, Sa, 04.11.2000,
ks.

Der Nominalwert einer Aktie war früher zugleich der Betrag, der bei Gründung der Gesellschaft vom Neuaktionär gezeichnet wurde und mit dem er aufgrund dieser Aktie in entsprechender Höhe am Aktienkapital beteiligt war. Aufgelder waren bei Neuemissionen unüblich.
Der Standard-Nennwert war ursprünglich RM 1.000. Dies entsprach um 1900 etwa 2 Jahreseinkommen eines deutschen Fabrikarbeiters.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde ein Regel-Nennwert von DM 100 festgesetzt. Aktienkurse wurden in Deutschland in Prozent vom Nennwert angegeben.
Ich entsinne mich, daß in den frühen 60er Jahren die Kursnotierungen von Unternehmen, denen es schlecht ging, ohne daß ihr Fortbestand gefährdet schien, bei Kursen von 60-90% lagen. Die Aktien rentierlicher, gesunder Unternehmen wiesen im allgemeinen Kurse zwischen 300% und 500% auf. Wenige Gesellschaften, zumeist Versicherungen, notierten zwischen 700% und 1000%. Noch höhere Notierungen waren dünn gestreut. Das zweitteuerste Wertpapier an einer deutschen Börse war lange Jahre die Aktie von Forst Ebnath, damals meist so um die 3000%. Dazu kamen einige kleinere bayerische Brauereien mit großem innerstädtischen Grundbesitz, die Kurse oberhalb von 1000% aufwiesen; das wars.

Schon damals gab es stete Bestrebungen, den Nominalwert einer Aktie weiter zu reduzieren. Die Argumente sind stets die gleichen geblieben: Bessere Handelbarkeit durch geringeren Preis pro Aktie, Beteiligung breiterer Bevölkerungsschichten an der Möglichkeit des Aktienerwerbs, Loslösung des Kurses von der sachfremden Bezugsgröße des Nominalwertes, der wenig über Rücklagen und stille Reserven aussagt und völlig losgelöst von der primär für die Bewertung wichtigen Ertragskraft ist. Angleichung an die Gepflogenheiten im angelsächsisch geprägten Wirtschaftsraum. (1)

Stetes Bohren höhlt den Stein. Ende der 60er Jahre wurde der Nominalwert auf DM 50 reduziert und die Stücknotierung eingeführt. Es brauchte weitere Jahrzehnte, bis eine Aktienrechtsreform die Reduzierung des Nennwerts auf DM 5 erlaubte, mit dem Euro kam die Umstellung und Verringerung auf Euro 1. Schließlich wurde die nennwertlose Aktie zugelassen.
O.N.
Es war vollbracht.

Seit dieser Zeit befinden wir uns auf der Insel der Glückseligen. Die meisten Werte weisen Kurse von läppischen Euro 10 bis Euro 50 auf. Diese Aktien sind wunderbar billig. Man kann richtig schön viel Stücke kaufen. Es gibt sicherlich nur noch wenige, die in alter Gewohnheit einen Stückkurs in eine Prozentnotierung "zurückrechnen". Ich gehöre dazu.

Warum schreib' ich das alles?
Weil ich glaube, daß uns mit dem Nominalwert noch einiges mehr verlorengegangen ist. So angreifbar die althergebrachte Prozentnotierung vom theoretischen Ansatz her sicherlich war, sie war doch auch eine simple und wirksame Bremse. Die gemeinsame Bezugsgröße eines einheitlichen Nominalwertes ließ eine Aktie unmittelbar als "teuer" oder "billig" erscheinen, auch wenn natürlich auch damals galt, daß etwa eine teure 800%-Allianz objektiv bewertet viel billiger als eine 80%-Ilseder Hütte war. Dennoch: Man wurde angeregt, über den Kurs nachzudenken und seine Bereitschaft zu überprüfen, bei Käufen einen noch höheren Kurs zu akzeptieren.
Diese simple Hemmschwelle vor unkritischen Investments wurde durch die Stücknotierung erstmals unterminiert. Die nennwertlose Aktie machte meiner Marotte endgültig den Garaus. Man muß nun schon das Aktienkapital kennen, die emitierte Stückzahl und aufgrund der anderen Bilanzierungsstruktur auch die offenen Reserven aus dem Börsengang mit einbeziehen, bevor man "vergleichbar umrechnen" kann.

So kommt es, daß ein Kurs von Euro 50 nichts mehr sagt. Weder über das Unternehmen und dessen Zustand, noch über dessen Aktienbewertung vom Markt, noch über die Bewertung der Aktie im Vergleich zu anderen. Euro 50 kann ebenso eine Unterpari-Notierung einer Aktie mit nicht reduzierter Vorkriegs-Stückelungsgröße sein, wie die Pari-Notierung einer DM 100, wie 200% eines DM 50-Stückes, wie 2000% eines DM 5-Stückes, wie 5000% eines Euro 1-Stückes.
Wie vielleicht 50000% einer Aktie ohne Nennwert. Nicht ausgeschlossen, daß es dieser Firma schlechtgeht.

Hat die große Befreiung des Aktienkurses vom Nennwert dem Aktionär wirklich Vorteile gebracht?
Ich glaube, sie hat vor allem die Orientierungslosigkeit der Schlechtorientierten weiter erhöht und Übertreibungen, Manipulationen und Beutelschneidereien zu Lasten der Aktionäre erleichtert. Unter dem Gesichtspunkt des Aktionärsschutzes also eher ein Rückschritt?

Diese Gedanken kamen mir nach einem halbstündigen Chat mit einem jungen Mann mit dem seltsamen Vornamen Hunter*~'#@, oder so ähnlich, der, seit diesem Frühjahr an der Börse, einige wirklich schöne NM-Werte aus seinem Depot mir vorstellte und stets dabei bemerkte, daß er zwar hoch im Verlust stecke, aber die betreffende Aktie zwischenzeitlich so billig sei, daß sie einfach nicht mehr weiter fallen könnte.


Kurt Seifert
04.11.2000


(1) Dieses Argument sprang zu allen Zeiten zu kurz. Die Gepflogenheiten zur Börsenaufsicht sind grundsätzlich andere als bei uns. In Großbritannien ist man der Ansicht, daß der Aktionär grundsätzlich ein intelligentes und entscheidungsfähiges Wesen sei, mag ihn deshalb nicht bevormunden, sondern will nur sicherstellen, daß er alle relevanten Informationen erhält. Dann wird er schon richtig und in seinem Interesse vernünftig entscheiden.
In den USA denkt man hingegen, daß der Aktionär grundsätzlich unwissend und hilflos ist. Man muß ihn vor Schaden bewahren, indem man Vielerlei verbietet und der Rest so aufbereitet dargeboten sein muß, daß auch der Dümmste kapiert, welche Risiken er eingeht.
Demgegenüber glaubt man in Deutschland unverändert, daß der Aktionär dumm ist. Weil er dumm ist, macht es keinen Sinn, ihn mit Informationen zu versorgen. Er liest bzw. kapiert sie ja doch nicht.


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